Geschichte der "Feste der Begegnung" in St. Pölten


Die Betriebsseelsorge Traisental, der Jugendtreff Little Phönix, Südwind NÖ u. v. andere Gruppen organisieren seit 22 Jahren die Veranstaltung „Fest der Begegnung“, um Begegnungen zwischen Menschen verschiedener Herkunft in St. Pölten zu fördern und somit zu einem besseren Verständnis und dem Kennenlernen unterschiedlicher Kulturen und Religionen beizutragen.

Die „Feste der Begegnung“ in St. Pölten blicken auf eine ereignisreiche Entwicklungsgeschichte zurück. Die sogenannten „Gastarbeiter“ der 1. sowie 2. Generation lebten in St. Pölten lange isoliert im gettoisierten „Glanzstoffviertel“ und sowohl am Arbeitsplatz, als auch in der Freizeit gab es kaum Begegnungs- bzw. Austauschmöglichkeiten.

Daher initiierten 1992 junge Männer vom österr.-türk. Freundschaftsverein gemeinsam mit der Betriebsseelsorge, Südwind Entwicklungspolitik, Amnesty International und der Katholischen ArbeiterInnenjugend gemeinsame Grillfeste mit Musik und Diskussionen, um den gemeinsamen Dialog zu fördern.

Im Zuge der Beteiligung weiterer Vereine (u.a. Caritas, Emmausgemeinschaft) sowie einem pakistanischen Aktivisten und einigen Asylwerbern entwickelten sich die gemeinsamen „MulitKulti-Feste“ ab 1995 schließlich zum „Fest der Begegnung“. Anfangs wurden diese jährlich stattfindenden Veranstaltungen noch an wechselnden Orten abgehalten, verbanden aber schon damals multikulturellen Austausch in Form von Musik- und Tanzperformances, kulinarischen Angeboten und Sportaktivitäten mit Diskussionen, später auch Film- und Buchpräsentationen, zum Thema Integration.  


 

Wie kam es zu der Idee?

Im Rahmen des sog. 'Projektes Boot' von 1. bis 3. Mai 1992 am Rathausplatz, das der Südwind NÖ -West zusammen mit der KAJ, AI-Gruppe 79 und der Betriebsseelsorge organisiert hatte und das auf mehrere soziale Probleme aufmerksam machen wollte: das weltweite Elend durch unser ungerechtes Wirtschaftssystem (weshalb wir Slumhütten aufbauten), die Obdachlosigkeit auch im reichen Europa und die wachsende AusländerInnenfeindlichkeit in Österreich (Stichwort FPÖ-Volksbegehren 'Österreich zuerst') sowie die schlechte Behandlung der AsylwerberInnen, meldeten sich Ekrem Arslan und Yildirim Kazim, zwei junge türkischstämmige Männer, deren Väter zu den ersten Gastarbeitern in der Fa. Glanzstoff in St. Pölten zählten, bei Sepp Gruber (und den anderen Veranstaltern) und äußerten ihren Wunsch nach vermehrten Kontakten mit aufgeschlossenen ÖsterreicherInnen und nach gemeinsamen Veranstaltungen. Denn damals herrschte noch eine fast undurchdringliche, unsichtbare Mauer zwischen der Stadt und dem ‚Gastarbeiterghetto' im ‚Glanzstoffviertel'.

So organisierte der 'österreichisch-türkische Freundschaftsverein', in dem beide aktiv waren, gemeinsam mit der KAJ, Südwind, AI und der Betriebsseelsorge das erste 'Multikultifest' im Pfarrgarten in Viehofen im Sommer 1992. Beim Fest 1993 kamen auch der alevitische Freundschaftsverein, Hr. Akhter Baig (späteres Austro-asiatisches Forum) und die Caritas Flüchtlingshilfe u. a. dazu und es gab schon ein organisiertes Musikprogramm, einen Infobus 'Miteinander leben' aus Wien und ein Zelt der ‚Sahauris' aus Wien.

1995 änderten wir den Namen von 'Multikultifest' auf 'Fest der Begegnung'. Dieses Fest war auch das letzte Fest im Pfarrgarten von Viehofen, der sich als zu wetterabhängig und zu klein herausstellte. 1996 fand das erste 'Fest der Begegnung' im ‚Lilienhof' (Jugendhaus der ‚englischen Fräulein' in St. Pölten/ Stattersdorf statt, wo wir den alten Stadel benutzen konnten und auch Möglichkeiten zum Fußballspielen und für Kinderprogramm vorfanden und Möglichkeit zur Ausstellung für ausländische KünstlerInnen, als Mitveranstalter war die Evangelische Jugend und das KBW Wagram dazugekommen und wir erhielten erstmals eine Unterstützung durch die österreichische Gesellschaft für politische Bildung. 1997 fand das Fest einmalig im Bildungshaus St. Hippolyt statt unter der Koordination der Caritas - Flüchtlingsberatung und sprach auch stärker ein kirchliches Publikum an sowie Schulklassen aus der ganzen Diözese, da im Rahmen des Festes die Prämierung eines Zeichenwettbewerbes für Kinder durch die Caritas stattfand. 1998 wagten wir die Kooperation mit einem Fußballverein und organisierten auf dem Sportplatz in Stattersdorf ein multikulturelles Fußballturnier kombiniert mit dem Fest der Begegnung mit Musik, Tanz und Essen. Wir hatten hier auch das erste Mal finanzielle Unterstützung der Kulturverwaltung der Landeshauptstadt sowie durch einige Firmen, weshalb wir uns ein aufwändigeres Konzertprogramm leisten konnten. 1999 kehrten wir wieder in den Lilienhof zurück. Außerdem gelang es uns, auch beim 'Höfefest' im September in der Innenstadt mit einem 'Eine-Welt-Hof' mit Beteiligung der St. Pöltner MigrantInnengruppen vertreten zu sein. Im Jahr 2000 verzichteten wir zugunsten des großen multikulturellen Jugendfestivals 'Friends 2000' im Kulturhaus Wagram auf ein eigenes Fest und beteiligten uns dort in der Durchführung des Festes mit einer hochkarätigen Podiumsdiskussion zur Flüchtlingsproblematik sowie mit türkischer und brasilianischen Musikgruppen und kulinarischen Ständen. Im Frühjahr 2001 fand unter der Federführung der Caritas das 'Fest der Begegnung' im Kolpinghaus St. Pölten mit Vortrag und Diskussion sowie zahlreichen Kultur- und Tanzbeiträgen statt. Allerdings ergab sich das Problem, dass alles in einem Saal stattfinden musste, Information und Begegnung bei den Ständen etc. Erstmals gab es auch eine taiwanesische und indische Tänzer.

2002 kehrten wir noch einmal in den Lilienhof zurück und konnten den neuen Saal und den Stadel benutzen, was sich als sehr gute Kombination herausstellte; nach einer Podiumsdiskussion zum Thema Integration auch erstmals mit einem Vertreter der islamischen Gemeinschaft gab es Kulinarisches sowie Musik, Folklore und Tanz im Freien.

 Weitere Kooperationspartner wurden die Diakonie, die Beratungsstelle FAIR (Volkshilfe), Emmausgemeinschaft, Verein Wohnen sowie der afrikanische Kulturverein, der (kurdische) Kulturverein Mesopotamia, der kosovarische Kulturverein und das Integrationsbüro der Stadt St. Pölten. Auch mit dem Integrationsservice NÖ haben wir eine gute Kooperation.

Im Jahr 2003 war das bis dahin größte und aufwändigste 'Fest der Begegnung' im alevitischen Kulturzentrum in Ratzersdorf unter der gemeinsamen Koordination der Betriebsseelsorge/ österr.-türk.Freundschaftsverein und des alevitischen Kulturvereines. Musikalisch gab es ein Riesenprogramm von einer Saxophongruppe, afrikanischen Trommlern, südamerikanischer Musik, türkisch-orientalischer und als Höhepunkt die 'Wiener Tschuschenkapelle', dazu noch Folkloregruppen und viele internationale Essensstände. Trotz der gut 500 BesucherInnen kamen sich die Leute zeitweise in der Riesenhalle etwas verloren vor. Daher wagten wir uns 2004 in die Mitte der Stadt auf den Rathausplatz (wie zu Beginn 1992), allerdings ohne großer Bühne und Technik am Platz, was der Qualität etwas schadete, trotzdem gab es eine Fülle an Folklore- und Tanzgruppen sowie kulinarische Stände. Die Fortsetzung im cinema paradiso mit einer Diskussion und der Präsentation eines eigens produzierten DVD-Filmes zu '40 Jahre Gastarbeiter in St. Pölten' fand dann großen Anklang, der Film anschließend leider weniger, dafür umso mehr wieder das abschließende Konzert mit Halil Gürsu & Vienna Orient Project. Als Mitveranstalter waren erstmals die GastarbeiterInnenseelsorge, das Rote Kreuz und als Kooperationspartner das cinema paradiso sowie die FH für Medientechnik vertreten.

Durch das gute öffentliche Echo unseres Festes am Rathausplatz waren wir angespornt, diese Linie fortzusetzen und auch 2005, 2006, 2007, 2008, 2009, 2010, 2011, 2012, 2013, 2014 wieder am Rathausplatz und im cinema paradiso zu feiern, allerdings mit besserer Tontechnik und einer überdachten Bühne und professionellerer Vorbereitung, was auch gelang.

2008 fand das ‚Fest der Begegnung' erstmals 2-tägig mit einem Diskussions- und Informationsabend am 6. 6. im cinema paradiso und abschließendem Konzert und dem Open Air Fest am 7.6. am Rathausplatz statt. 2010 wurde das Fest erstmals 3-tägig mit einem Jugendabend, dem Openairfest und einer Matinee mit Film und Diskussion im cinema paradiso durchgeführt. Und 2011 war in Kooperation mit dem Festival ‚fabelhaft' der Auftakt mit einer interreligiösen Begegnung (fest.gebet) in der Landhauskapelle und Fest vor dem Landhaus, anschließend ein Marsch mit Musik durch die Stadt bis zum Rathausplatz, wo das Fest ab 15 uhr seine Fortsetzung fand. Höhepunkte waren dort der Auftritt der Gruppe Dobrek Bistro und von Bauchklang, was einen Rekordbesuch beschert.

 2012 und 2013 fanden die Feste wieder 2-tägig im cinema mit Buchpräsentationen bzw. Filmvorführungen, Diskussion und Konzert statt und am 2. Tag am Rathausplatz mit immer mehr kulinarischen Ständen und auch immer mehr Gästen.

 2014 kam zum Jubiläum "50 Jahre Gastarbeit in St. Pölten" noch die Erstellung eines professionellen Filmes mit den Studenten der fh St. Pölten dazu, die am 20. Juni im cinema  Premiere hatte (mit vielen Stehplätzen) und einem stimmungsvollen Abschluss mit einem Konzert von Auturja. Auch der Bürgermeister und der tunesische Botschafter kamen zur Premiere. Zusätzlich wurde auch eine Ausstellung mit dem Titel "Angworben - hiergeblieben" erstellt, die am 13. Juni im Rahmen des "Tages der Diversität" im Stadtmuseum eröffnet wurde mit dem Bürgermeister und dem türkischen Generalkonsul. Am 21. Juni fand wieder das traditionelle Kulturfest mit viel kulinarischen Ständen und Kinderprogramm am Rathausplatz statt.

2015 fand das Fest wieder am Rathausplatz und cinema statt mit Schwerpunkt "Kinder im Krieg". Siehe Fotogalerie.

2016 war das Fest im cinema paradiso mit Schwerpunkt Syrien mit einer Lesung von Luna Al Mousli, einem Schattentheater von Flüchtlingen vom Cafe der Diversität und einem Konzert 'Syrien Links' mit Salah Ammoh und Orwa Saleh & Friends. Das Openair am Rathausplatz war wieder unter dem Motto 'gemeinsame Heimat' mit vielen Essensständen und Folklore und Konzerten der iranischen 'Dreamband', von Matomato und der Mostviertler A Capella gruppe 'zwo3wir'.

2017 feierten wir das 25-Jahrjubiläum am Rathausplatz mit zahlreichen Migrantenvereinen mit Schwerpunkt Flüchtlingen aus Afghnaistan, Syrien, Irak, Iran und Konzerten von Georgiern, der iranischen Dreamband, Sakina Teyna &friends sowie als Höhepunkt mit der Wr. Tschuschenkapelle. Im cinema paradiso gab es ein Theater 'vom Wind, Sand und Sternen' mit Flüchtlingen aus Afghanistan, dem Film "die andere Seite der Hoffnung" von Aki Kaurismäki und einer spannenden Diskussion zum Thema 'Solidarität bringt soziale Sicherheit' mit Prof. Gudrun Biffl, Fachfrauen von Diakonie und Volkshilfe und NR Anton Heinzl.

Nach 25 Jahren hat sich das 'Fest der Begegnung' in der Stadt St. Pölten etabliert als Begegnungsmöglichkeit von Menschen verschiedenster Herkunft, Kultur und Religion in dieser Stadt, was sich auch am großen Andrang an politischer Prominenz und der Medien in den letzten Jahren zeigte. Zugleich haben die ‚Feste der Begegnung' viele weitere Kontakte zwischen den einzelnen Volksgruppen und NGO's in St. Pölten angeregt und viele weitere Initiativen des interkulturellen Dialoges im westlichen NÖ.

 

Sepp Gruber (und beim Fest 2015 Stefan Heller)